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Samstag, 18. August 2012

Was ist und wozu brauchen wir Biodiversität?

Lichdi

Biodiversität oder biologische Vielfalt bedeutet Vielfalt der Arten der Pflanzen- und Tierwelt, der Lebensräume und die Vielfalt genetischer Ausprägungen innerhalb einer Art. Seit der Internationalen Konvention zum Schutz der Biodiversität 1992 ist sie zu einem Leitbild des Naturschutzes geworden. Von der biologischen Vielfalt hängt das Überleben der Menschheit ab; sie schafft den Boden, säubert Wasser und Luft, ist Nahrungsgrundlage und Schatzkammer für Arzneimittel. Zur langfristigen Bewahrung dieser Lebensgrundlagen dürfen Naturgüter nur dauerhaft umweltgerecht bewirtschaftet werden: die Ökosysteme müssen sich in ihrer Vielfalt trotz Nutzung regenerieren und erhalten können. Leider ist das immer weniger der Fall. Überall in der Welt und auch in Sachsen sind bestimmte Lebensräume mit ihren Arten akut gefährdet. Die Menschen wirtschaften so, als ob Boden, Wasser und Luft, Fauna und Flora unentgeltlich und unerschöpflich zur Verfügung stünden - welch eine Täuschung! Zum Erhalt der Ökosysteme und der Biodiversität müssen wir unsere gesamte Art und Weise der Nahrungsmittelerzeugung, Energieversorgung, Mobilität und Ressourcenverwendung auf ein global verträgliches und gerechtes Niveau umstellen.  

I. Die Gefährdung der Biodiversität

1. Industrielle Landwirtschaft zerstört Artenvielfalt

Traditionell meinen wir, dass draußen vor den Städten in Wald und Flur die "freie Natur" herrscht - das Gegenteil ist der Fall! Die seit etwa 70 Jahren immer industrieller betriebene Landwirtschaft zerstört frühere Vielfalt und schafft mit immer weniger Pflanzensorten, der Verkürzung der Fruchtfolgen und Vergrößerung der Schläge, der intensiven Düngung und Ausbringung von "Pflanzenschutzmittel" genannten Giften eine immer ödere Umwelt. Auf den 720.000 ha sächsischen Ackerlands werden zu 55 % Getreide, zu 19 % Raps und zu 12 % Mais angebaut - also bleiben gerade einmal 14 Prozent für andere Kulturen! Die industrielle Agrarwirtschaft hat die einst vielgestaltige Kulturlandschaft in eine geometrisch konstruierte Agrarsteppe uniformiert und die Lebensräume vieler Tiere und Pflanzen zerstört, die sich aufgrund jahrtausendelanger bäuerlicher Landwirtschaft entwickeln konnten. Den Bienen wie anderen Insekten fehlt es an Nahrungspflanzen. Mit moderner Technik werden die Gelege und Bruten der Vögel zerstört. Die häufige intensive Bodenbearbeitung, kurze Stoppelzeiten mit vollständiger Beerntung und dichte Halmstände verschlechtern dramatisch die Überlebensbedingungen der Offenlandarten, Rebhuhn, Kiebitz und Hamster stehen vor dem Aussterben. Überdüngung hat zur Eutrophierung von Boden und Wasser geführt und nährstoffarme Lebensräume wie Moore, Mager- und Trockenrasen mit ihrer spezifischen Fauna und Flora nahezu ausgerottet. Der Einsatz von Bioziden oder Pestiziden wie Glyphosat verursacht häufig verdrängte Schäden in der Nahrungskette - über Pflanzen und Tiere bis hin zum Menschen.

2. Vom Urwald über den Fichtenforst zum naturnah genutzten Wald

Ohne den Menschen wäre Mitteleuropa fast überall mit einem Buchenmischwald bedeckt. Da Holz seit alters her als stoffliche und energetische Lebensgrundlage diente, ist der Wald in Mitteleuropa seit dem Hochmittelalter fast vollständig abgeholzt worden. Erst im 19. Jahrhundert gelang die Wiederbewaldung - aber mit reinen Fichtenbeständen. Noch heute herrschen diese gegen Stürme und Borkenkäfer anfälligen Fichtenplantagen einer Altersklasse vor, die weder ökologisch noch ökonomisch nachhaltig sind oder dem Klimawandel standhalten können. Artenreiche vielfältige Laubmischwälder fehlen. Die Schwefelbelastungen der vergangenen Jahrzehnte haben die Waldböden versauert. Großmaschinen, die den Waldboden verdichten, erledigen die Holzernte. Im Zuge "ordnungsgemäßer" Forstwirtschaft werden wertvolle Altbäume und stehendes Totholz beseitigt, die etwa xylobionte Käfer, die nur dort leben können, beherbergen. Viele alte Bäume fallen der überängstlichen Wahrnehmung der Verkehrssicherungspflicht zum Opfer. 

3. Auen, Feuchtbiotope und Gewässer

Heute gibt es keine natürliche Flussauenlandschaften mit mäandrierenden, vielarmigen Flüssen mehr. Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert wurden Flüsse wie die Elbe im Interesse der Binnenschifffahrt in ein festes Bett gezwängt, kanalisiert und von ihrer Aue abgetrennt, die sie nun nicht mehr regelmäßig überfluten können. Die typischen Lebensgemeinschaften der Sand- und Kiesbänke, Kleingewässer, der Flussinseln wie der Weich- und Hartholzauen gingen verloren. Die Menschen bezahlen die angebliche Bändigung der natürlichen Flussdynamik mit immer heftigeren Hochwassern in den nun bebauten Auen.

Die Landwirtschaft hat das Ackerland "melioriert", das Wasser von den Äckern abgeleitet und die Bäche begradigt. Laichgewässer wurden vernichtet. Werden die als CO-2-Speicher wichtigen Moore eutrophiert oder entwässert, sind sie fast verloren. Tausalze und Emissionen aus Ackerbau und Straßenverkehr verschmutzen die anliegenden Gewässer. Zwar wurde die chemische Verschmutzung der Gewässer seit der Wende erfreulich verringert, der ökologische Zustand aber ist etwa aufgrund von Längs- und Querverbauungen stark verbesserungswürdig. Nur 6 % der sächsischen Gewässer haben eine gute Qualität. 

4. Natur im Siedlungsbereich

Die Flächeninanspruchnahme im Umfeld von Großstädten steigt wie die Zerschneidung von Lebensräumen durch Straßen. Immer noch werden in Deutschland etwa 100 ha am Tag neu versiegelt. Die bäuerliche Kleintierhaltung ist so gut wie vollständig aufgegeben. Manche Tiere und Pflanzen können heute in städtischen Parks, Baumalleen, Gewässern und naturnahen Gärten oft besser überleben als in der ausgeräumten Agrarsteppe. Nach der weitgehenden Abschaffung kommunaler Baumschutzsatzungen durch die CDU / FDP - Regierung fallen viele wertvolle Altbäume dem Unverstand zum Opfer. Allerdings ist der deutsche Normgarten mit Tujahecke, blankgefegtem Kurzrasen und nichtnadelnder Konifere als Biotop ungeeignet. Leider ist die Vernichtung von Nistgelegenheiten an Gebäuden wie die Verwendung von Chemie im Garten immer noch kein Tabu. 


 

II. Was zu tun ist

1. Ein Umdenken ist notwendig

Die wichtigste Änderung muss in unseren Köpfen geschehen: Wir müssen verstehen, dass uns die Natur am besten als Lebensgrundlage dient, wenn wir sie in Ruhe lassen. Jedes Naturgeschöpf und jede Naturbildung ist wertvoll und schützenswert! Naturgüter sind nicht kostenlos und stehen unendlich zur Verfügung. Wir können die Güter der Natur nur so nutzen, dass sie ihre Regenerationsfähigkeit behält und wiedergewinnt. 

Die Aufgabe des Naturschutzes besteht in der zumindest kleinflächigen Wiederentwicklung ursprünglicher Landschaftsformen, also von naturnahen und nutzungsfreien Wäldern sowie von Flussauenlandschaften, die von der Dynamik des Wassers geprägt sind. Ebenso müssen traditionelle Kulturlandschaften bäuerlicher Landwirtschaft mit ihrer Artenvielfalt bewahrt werden. Insgesamt müssen ausreichende, miteinander verbundene Lebensräume wiederhergestellt werden, in denen sich die Arten, für die Sachsen eine besondere Verantwortung trägt, in überlebensfähigen Populationen ausbreiten können. Die Schaffung ausreichender Biotopverbünde ist angesichts des Klimawandels eine besonders dringliche Aufgabe. Ebenso selbstverständlich wie wir Verkehrs- und Versorgungsnetze brauchen, benötigen wir ein Biotopverbundsystem verschiedener Lebensräume aus bestehenden Schutzgebieten, Wildnisgebieten, Kulturlandschaften und neuen Verbindungsflächen. 

2. Großschutzgebiete, NATURA 2000 und der Biotopverbund

Sachsen verfügt über wertvolle Großschutzgebiete wie etwa den Nationalpark Sächsische Schweiz. Das Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft ist vom Bundesamt für Naturschutz als "Hotspot der Biologischen Vielfalt" ausgezeichnet worden. Diese historische Kulturlandschaft mit ihrem kleinräumigen Wechsel von Heide, Wald, Offenland, Teich- und Moorflächen mit sehr trockenen und sehr feuchten Flächen sowie einer nur extensiven Nutzung bietet vielen seltenen Vögeln, Insekten, Amphibien und Säugetieren einen letzten Lebensraum. Heute werden wenige Bäche im Vogtland im Interesse des Erhalts der Flussperlmuschel renaturiert. Im NSG Königsbrücker Heide, einem alten Truppenübungsplatz, kann sich seit 1992 ungehindert nutzungsfreie Wildnis ausbreiten.

Fast alle Flussläufe Sachsens sind als wichtige Verbindungskorridore als europäische Schutzgebiete ausgewiesen worden. Leider verlangt der Freistaat fast keine Bewirtschaftungsanforderungen in NATURA 2000 - Gebieten, so ist etwa der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen oder die Pestizidausbringung nicht verboten. Daher haben die ausgewiesenen FFH-Gebiete oft nicht die erforderliche Qualität. 

Seit 2002 besteht nach dem Bundesnaturschutzgesetz die Pflicht des Freistaats, einen Biotopverbund auf 10% der Landesfläche einzurichten. 2007 wollte Sachsen im Jahre 2015 damit fertig sein. Bis heute ist außer einigen Modellprojekten wenig geschehen, obwohl fachliche Grundlagen bereits seit 5 Jahren vorliegen. Seit 2010 besteht sogar ein Landesprogramm zum Schutz der Biodiversität. Angesichts der von der CDU verfolgten Politik des Vorrangs industrieller Agrarwirtschaft und des rücksichtslosen Infrastrukturaufbaus wird auch dies ein zahnloser Tiger bleiben. Der Aufbau eines wirksamen Biotopverbunds zum Schutz der Biodiversität muss endlich so ernst wie andere Infrastrukturmaßnahmen genommen werden! 

3. Ablösung der industriellen Landbewirtschaftung

Obwohl sich der Freistaat Sachsen rühmt, die umweltgerechte Landbewirtschaftung mit dreistelligen Millionensummen zu fördern, hat sich das Artensterben seit der Wende beschleunigt. Das sächsische Bodenbrüterschutzprogramm reicht offensichtlich nicht aus. Die EU verlangt nun für die Förderperiode ab 2013, 7 % der jeweiligen Betriebsfläche als "ökologische Vorrangflächen" zu behandeln. Es ist aber zu befürchten, dass diese Bedingung wie früher schon andere imRäderwerk der Agrarbürokratie so lange klein gemahlen wird, bis kein ökologischer Nutzen mehr übrig bleibt. Die Agrarförderung darf nicht mehr an der Fläche anknüpfen, sondern an nachgewiesenen Umweltschutzerfolgen wie etwa dem Vorhandensein bestimmter Arten. Notwendig sind spezielle Artenschutzmaßnahmen durch Anlage neuer Trittsteinbiotope wie Hecken, Baumgruppen oder Nassstellen in der ausgeräumten Agrarsteppe, von Puffer- und Blühstreifen zwischen den Schlägen sowie Stoppelbrachen,wechselnde Fruchtfolgen und Bearbeitungsschemata, die den Tieren Fluchtmöglichkeiten belassen. An Gewässern sind Schutzstreifen von 10 m sinnvoll, die gesetzliche Vorschrift dazu wurde erst vor kurzem abgeschafft!

Im Grundsatz besteht Einigkeit in Sachsen, dass der Waldanteil erhöht und der Wald zu einem artenreichen Laubmischwald verschiedener Altersgruppen umgebaut werden soll. Leider gelingt dies noch zu wenig durch Naturverjüngung, da die Wildbestände zu hoch sind. Der Staatsbetrieb Sachsenforst könnte hier als größter Waldbesitzer seine besondere Verantwortung wahrnehmen, etwa durch einen besseren Schutz von Alt- und Höhlenbäumen und Totholz oder verträgliche Bewirtschaftung etwa durch Pferde statt Maschineneinsatz beim Transport gefällter Stämme. 

4. Was Sie selbst tun können

Wenn Sie das Glück haben, einen Garten zu besitzen, können Sie viel für die biologische Vielfalt tun. Verabschieden Sie sich vom Ordnungsideal eines aufgeräumten Gartens aus Tujahecke, Blaufichte und exotischen Blühpflanzen, wie es die Baumarktwerbung zeigt. Lassen Sie Vielfalt zu, auch wenn der Nachbar dies für Unkraut hält! Verwenden Sie einheimische Sträucher, Obstbäume und Wildblumen, in und von denen Vögel, Schmetterlinge oder Bienen leben können. Erhalten Sie alte Bäume! Räumen Sie abgeschnittene Äste und Laub nicht weg, sondern schichten sie für Igel und Insekten zu kleinen Häufen auf. Haben Sie Geduld, beobachten Sie Ihren Garten und lassen Sie ihn sich entwickeln.